Interview: Alex Behning (Konstanz)

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Aus Konstanz am Bodensee, einer der wohl südlichsten Bluesregion in Deutschland,  kommt der junge Sänger, Songwriter und Gitarrist Alex Behning. Alex hat vor kurzem sein Debütalbum „Hinterhofschuhe aus New York“ veröffentlicht, auf Vinyl und als CD Album.

Um mehr von seiner Musik zuerfahren bat BiG ihn um ein Interview und hier ist es.

Behning, Alex - Hinterhofschuhe 4

  • Hallo Alex, du hast vor kurzem dein Album „Hinterhofschuhe aus New York“ veröffentlicht, wie ist die Resonanz bei den Bluesfans?

Alex 02Es ist phantastisch- irgendwie scheinen die Hinterhofschuhe  Schritt für Schritt ihren Weg zu machen. Leute mailen mir, bedanken sich oder teilen mir ihre Gedanken zur Musik mit. Ein paar Radiosender haben das Album bereits vorgestellt und derzeit ist der Song „Abfahrt nach Liverpool“ auf Platz 12 der Liederbestenliste in Deutschland. Es könnte kaum besser laufen. Besonders froh bin ich darüber, über das Album mit so vielen super Menschen in Kontakt zu kommen. Ich bin ja neu in der Bluesszene und mir war echt nicht klar was für eine klasse Szene es hier gibt.

  • Was hat dich dazu gebracht ein deutschsprachiges Album zu veröffentlichen?

Ich wollte ein Bluesalbum mit erwachsenen Texten machen und ich glaube ich kann mich in meiner Muttersprache einfach am besten ausdrücken. Vielleicht stellt der Blues mit seinem wiederkehrenden Strukturkorsett eine besondere Herausforderung dar, um nicht abgedroschen oder kitschig rüber zukommen. Mir war aber immer klar, dass ich keine andere Sprache wählen würde.

  • Wie bist Du auf den Titel „Hinterhofschuhe aus New York“ gekommen?

Behning, Alex - HinterhofschuheDer Titel ist aus dem Song „Desiree“ und die Geschichte aus dem Song ist mir tatsächlich passiert. Ich saß mit meiner Band in einer Bar und uns ist die Kellnerin mit ihren lustigen Schuhen aufgefallen. Ich habe sie angesprochen und sie sagte, sie habe sich die Schuhe in einem Hinterhof in New York gekauft und dass es ihr seitdem irgendwie besser ginge. Ich bin nach Hause gefahren und hab direkt  den Song geschrieben. Dass, mit dem Albumtitel entstand erst später. Irgendwie fand ich die Botschaft passend. Jeder kann für sich etwas finden, damit es ihm besser geht. Unabhängig ob es teuer oder edel ist. Meine Hinterhofschuhe sind quasi die Musik und die Umsetzung meines Albums.  Übrigens, mit Desiree stehe ich noch in Kontakt und sie war natürlich auch auf dem Releasekonzert.

  • Gibt es einen Lieblings-Song vom aktuellen Album?

Hm, lass es mich mal so sagen. So ein Album ist wie eine Familie- da ist jedes Kind gleich viel wert und jedes ist auf seine Art besonders. Für mich sind es also eher diese herausragenden Besonderheiten. Bei Abfahrt nach Liverpool ist z.B. die Atmosphäre sehr gelungen. Da haben wir mit der Harp diesen völlig kaputten Sound hinbekommen. Das klingt beinahe wie eine Orgel. Bei „Auf Dünnem Eis“ steht der Text im Vordergrund. Da haben wir lange am Arrangement gearbeitet das es perfekt zum Songthema passt. Schließlich kam die Idee mit einem ausgedehnten Groove-Outro mit Instrumenten aus aller Welt. Bei „Zeit steht still“ hatte ich von Anfang an so ein Rumba-Tango-Schunkel-Feeling im Ohr. Mir war wichtig, dieses auch auf Band zu bekommen. So tragen insgesamt  alle Titel dazu bei, dass das Album in sich stimmig ist und funktioniert.

  •  Kommen wir zu deinen Textsongs. Wovon handeln deine Texte?

Inhaltlich sind es Themen, die mich persönlich beschäftigen. Deshalb sind es wohl auch eher erwachsene Texte. Denn mit Mitte 45 Jahren gehst du Dingen anders auf den Grund. Schaust noch mal ganz neu und deutlicher drauf. Mit 18 Jahren betrachtest du die Dinge anders. Sie ziehen einfach  mehr an dir vorbei, weil du vermutest noch ewig Zeit zu haben. Meine Textsprache ist wohl eher bildlich. Ich glaube ich bleibe in meinen Texten oft indirekt, um Raum zu lassen und die Hörer über Umwege anzusprechen. Ich versuche Gedanken nur anzukratzen oder Impulse zu setzen, die zum Weiterentwickeln anregen. Vielleicht liefere ich mit den Texten nur das Bild zum Ausmalen, die Farben kann jeder selbst wählen.

  • Wie geht’s Du das Textschreiben an, fliegen dir die Texte zu oder gibt es einsame lange Nächte in der Küche, nur mit der Gitarre, einem Rotwein und leerem Blatt Papier?

Ganz unterschiedlich. Mal sind es konstruierte Prozesse wo ich mich hinsetze und arbeite. Manchmal fallen mir komplette Songtexte einfach so ein, prasseln runter und ich muss sie nur noch auffangen. Mal landen angefangene Songideen auch wieder in meiner gedanklichen Schublade. Dann trage ich sie mit mir rum und hole sie wieder hervor, wenn die Stimmung passt oder mir das fehlende und entscheidende Wortpuzzleteil eingefallen ist. Die angesprochenen langen Nächte mit meiner Gitarre und einem Glas Rotwein kenne ich natürlich auch. Aber ich glaube jedem Songschreiber ist klar, dass man Kreativität nicht jederzeit herholen kann. Oft passieren an besagten Abenden aber auch besondere Dinge. Der Song „Auf und davon“ ist z.B. so einer. Auf einmal waren da dieser Gitarrenlick und die Phrase „Sie ist auf und davon“. Ich wusste sofort was ich aufzuschreiben hatte. Zu der Zeit war unsere Tochter gerade dabei auszuziehen. Der Text schildert den elterlichen Widerspruch von Kopf- und Bauchgefühl wenn ein Kind das Haus verlässt. Zehn Minuten später war der Song fertig. Übrigens gibt es auf dem Textzettel tatsächlich einen Rotweinrand.

  • Songs sollen Geschichten in die Ohren des Publikums transportieren, das schafft der Blues und der Folk besonders. Was macht für dich eine gute Geschichte aus, das daraus ein Song wird?

Gerade im Blues ist die musikalische Reise ja etwas vorgegeben und vorhersehbar. Ich denke es ist deshalb besonders wichtig, dass die Geschichte dich neugierig macht und mitnimmt. Die Worte sollten  Atmosphäre und Spannung auslösen und die Story sollte nachvollziehbar sein. Ich beobachte oft Situationen und das Geschehen und komme dann auf Ideen.

  • Schon mal ein Schreibblockade gehabt?  Und wenn ja, wie kommst Du drüber weg?

Ach, ja- klar. Aber ich weiß auch, dass die Kreativphasen zurückkommen und mich nicht im Stich lassen. Ich bin da meist geduldig und zuversichtlich. Wenn ich nicht warten will oder kann, dann setze ich mich gleich nach dem Aufstehen mit einem Kaffee hin und fang einfach an zu schreiben. So setzt sich dann oft auch ein neuer Kreativprozess in Bewegung.

Behning, Alex - Hinterhofschuhe 3

  • Erzähl und doch einmal wie die Arbeit zum neuen Album begann und wie du es geschafft hast ein ansprechendes Debütalbum als Vinylplatte und CD zu produzieren.

Ich hatte ein, zwei Songs geschrieben, die ich auf Sessions gespielt habe. Irgendwann sprach mich ein Mitmusiker an warum ich die Nummern nicht mal aufnehmen würde? Das war glaube ich die Geburtsstunde für das Album. Ich hab mir dann viele Gedanken gemacht wie ich die Sache angehen könnte. Hab weitere Songs geschrieben und die Musiker angesprochen von denen ich überzeugt war, das sie perfekt zu meinen Soundvorstellungen passen würden. So haben wir bei Aufnahmesessions in Hamburg, London und Konstanz die Platte sozusagen in Idealbesetzung aufgenommen. Mit dem Crowdfunding-Projekt konnte ich glücklicherweise einen Weg finden, um mein Vorhaben für die Veröffentlichung auf Vinyl mit CD zu finanzieren. Im Laufe der Entstehung der Hinterhofschuhe hat sich dann ein immer größer werdendes Unterstützernetz gebildet. Ich konnte nur durch die Bereitschaft vieler lieber Menschen und Freunde das Album verwirklichen. Sie sind Teil des Ganzen und ich bin ihnen unglaublich dankbar dafür.

  •  Wie lange hast Du von der Idee bis zur Veröffentlichung an dem Album gearbeitet?

Knapp zwei Jahre. Ich hatte von am Anfang an eine konkrete Vorstellung, wie das Album aussehen und klingen soll. Also hab ich mir die Zeit gelassen die ich brauchte. In meinem Schreibtisch befinden sich einige Aufzeichnungen mit den einzelnen Schritten für das Herangehen an das Album. Ich hab mir die Ganze Sache wirklich gut überlegt. Eine Grundidee war alle Prozesse selbst zu steuern. Ich wollte keine Kompromisse eingehen und hinterher zu allen Entscheidungen stehen können. Deshalb nenne ich die Hinterhofschuhe auch manchmal mein Soloalbum – dem ist natürlich nicht wirklich so! Die Kompromisslosigkeit verdeutlicht sich aber vielleicht ganz gut hierdurch: Ich wollte unbedingt bei ein paar Titeln eine Pedal-Steel-Gitarre einsetzen. Ich konnte jedoch niemanden ausfindig machen, der Pedal-Steel-Gitarre spielte. Also hab ich mir bei Wolfgang Bednarz (WBS Steel Guitars) eine Sixstringer anfertigen lassen, rumprobiert und die Passagen selbst eingespielt.

  • Du stehst für bodenständige Musik, schweifen wir mal in die virtuelle Welt ein. Welche Medien nutzt du um deine Musik vorzustellen und zu publizieren?

Gerade für Neulinge wie mich ist das Internet eine klasse Möglichkeit sich zu zeigen. Ich hab ja schon anfangs im Interview erwähnt, dass ich viele neue Kontakte zur Bluesszene herstellen konnte, die mir jetzt helfen mein Album vorzustellen. Das startete und lief alles über die virtuellen Netzwerke. Auch das Crowdfunding fand ebenfalls ausschließlich im Web statt. Ich persönlich bevorzuge es eine Platte in den Händen halten zu können und sie jederzeit in den Schrank legen und wieder herausnehmen zu können. Aber natürlich gibt es mein Album auch als Downloadversion. Das ist genauso selbstverständlich und wichtig wie Facebook und Co zu bedienen. In erster Linie bin ich aber Folksänger und der sitzt nicht auf dem Sofa und kümmert sich um den Onlineverkauf, sondern schnürt seine Schuhe, ist bei den Leuten und singt seine Songs!

  • Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen, was und wer hat dich dazu gebracht Gitarre zu spielen und Songs über deine Erlebnisse zu singen?

Mit 15 Jahren fing ich an mit Freunden Musik zu machen, probierte verschiedene Instrumente aus und lernte ein paar Gitarrengriffe um Songs zu schreiben. Ziemlich schnell blieb ich dann regelmäßig der Schule fern und bin nach Hamburg getrampt, um Straßenmusik zu machen. Zum Zivildienst bin ich dann ganz in die Hansestadt gezogen, lernte die dortige Musikszene kennen und spielte in unterschiedlichen Bands. Die Bands lösten sich auf, die Liebe zur Musik und dem Songschreiben aber blieb. Musik machen ist für mich wie ein kleines Extrazimmer. Eine Art  Vorratskammer mit einigen kreativen Zutaten und jede Menge Fenster in mein Inneres. Die Gitarre ist dabei die Taschenlampe die Licht in die Gänge bringt, um die Töne und Meldodien besser sehen zu können. Meine Musik ist mein eigener und mystischer Bereich, in den ich mich zurückziehen aber auch jederzeit die Rollläden für ein Konzert oder eine Aufnahme hochfahren kann.

Behning, Alex - Hinterhofschuhe 5

  • Du bist nun seit einigen Jahren im Musikgeschäft unterwegs und hast einiges erlebt. Was hat sich besonders bewegt?

Da gibt es eine Geschichte, die passt vielleicht. Ich hab mir vor ein paar Jahren eine alte Harmony Folkgitarre gekauft. Das war in Bristol in England. Der Laden hieß Electic-Ladyland glaube ich. Ich erinnere mich auf jeden Fall an den Besitzer. Sein Name war Steve. Ein wirklich schräger Vogel. Du kamst nur durch einen Seiteneingang in das Geschäft, weil der komplette Laden mit absoluten Musikraritäten zugestellt war. Amps, Bässe, Gitarren bis unter die Decke. Nur in der Mitte drei Quadratmeter Freifläche. Ich kam mit Steve ins Gespräch über Musik und er sagte: „Musik ist magisch, sie besitzt Seele. Verarsche sie nicht und verrate sie nie!“ Schließlich fand ich dort meine wunderbare Mahagoni-Gitarre H-6365 von 1972 und als ich aus dem Laden ging hatte ich nicht nur die Gitarre bekommen. Ich hatte auch eine Erkenntnis mitbekommen – Musik mit Würde zu begegnen. Also von meinem musikalischen Wirken überzeugt zu sein. Alles mit einer persönlichen Echtheit zu tun und mich nicht zu verstellen. Diese Erkenntnis versuche ich hochzuhalten und bei allem was ich tue zu berücksichtigen.

  •  Du lebst in Konstanz am Bodensee, wie sieht es dort mit der Bluesszene aus?

Konstanz hat für seine Größe einen hohen kulturellen Puls und eine erstaunliche Musik-/Bluesszene. Es gibt einige Bars die regelmäßig Livemusik anbieten und auch einen Musikclub (Kulturladen) in dem bekanntere Bands auftreten. Da sich die Szene hier gut kennt und vernetzt, kam es z.b. dazu, dass ich im Vorprogramm von Vdelli spielen konnte. Bemerkenswert ist aber vor allem die lebendige Sessionkultur in Konstanz. Hier treffen sich die verschiedenen Musiker, tauschen sich aus und jammen. Rea Garvey von Réamonn hat vor seiner Bandkarriere übrigens auch regelmäßig an diesen Sessions in Konstanz teilgenommen. Über die Sessions habe ich auch den Mulitinstrumentlaisten Bill Flowe kennengelernt, der die Linenotes zu meinem Album geschrieben hat. Bei ihm gibt es mittwochs einen Musiktreff auf dem vorrangig American Old Time gespielt wird. Er ist in dem Genre absolut virtuos und damit auch überregional z.B. beim legendären „Sommermusikfest auf dem Knüllköpfchen“ aktiv. Ich bin froh in Konstanz zu sein.

  •  Was hast Du in nächster Zukunft geplant? Wo kann man dich live erleben?

Derzeit bin ich viel mit dem promoten des Albums beschäftigt. Ich arbeite an Ideen, wie und wo ich  das Album oder einen Song platzieren könnte und den deutschsprachigen Blues voran zu bringen. Für den Winter ist ein Video geplant und ab 2015 möchte ich so viel wie möglich live spielen.

Dafür wünschen wir dir recht viel Erfolg und sagen Danke für die Bereitstellung deines Debütalbums, ein Review kommt natürlich in den nächsten Tagen. Laß von Dir hören wenn es etwas Neues gibt.

M.Jungbluth
BiG-Admin

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